Reisen bildet, irgendwie

20.4.2020

Die neuen Stellplatz-Nachbarn waren ein Paar aus Nordamerika und Skandinavien, mehrspachig, breite Allgemeinbildung und wirklich nette, sympathische Zeitgenossen.

Man tauschte sich über Land und Leute aus, Tipps zu Routen und Alltagsproblemen beim Reisen.
Wenn „Plastikflaschen aus dem Supermarkt“ oder „nach Chlor müffelndes Leitungswasser“ die Alternativen sind, beginnt man sich auch für Wasserfilter am Wohnmobil zu interessieren.

Vom Chlor im Trinkwasser bewegte sich das Gespräch zu sonstigen Chemikalien im Trinkwasser, Stoffe die die Bevölkerung ruhig stellen sollen, Konzerne handeln mit Wasser, Wasserhandel, Kapitalismus, alles von Juden betrieben usw.

Unterhält man sich mit neuen Nachbarn gleich über die Geschichte des dritten Weltkrieges? Nein, über einen kleinen Trinkwasserfilter kamen wir auf das Thema.

Die sympathischen Nachbarn überraschten mit eigentümlichen Interpretation der Welt. Bei stiernackigen Stiefelträgern aus der (ost)deutschen Provinz, wäre ich bei den Bemerkungen zu Auschwitz, Weltjudentum und Ursachen des zweiten Weltkriegs nicht weiter überrascht gewesen.
Aber unter diesen Umständen war ich mehr als überrascht.

Alle mir bekannten, nennen wir sie mal Spezial-Theorien, wurden mir in den nächsten Tagen angetragen. Von der vorgetäuschten Mondlandung, Bilderberg-Verschwörung, Chemtrails, Gehirnstrahlen per Mobilfunk, Klimawandel durch Wettergeneratoren bis zum Anschlag vom 11.September als Video-Trick.

In einer Mischung aus Neugier und Verblüffung tippte ich manche Themen zur Probe mal an. Schon spanend wie detailreich erklärt wurde und jede Geschichte knüpft an unbestrittene Tatsachen an.

Ja, es gibt Kondensstreifen am Himmel, aber ist das ein Beweis für die Psychodrogen in der Luft.
Ja, ein drittes Hochhaus ist bei 9/11 bisher ohne plausible Begründung eingestürzt, aber warum ist dies ein Beweis für Inszenierung?
Ja, es gibt Falschmeldungen in den Nachrichten, aber deshalb sind doch nicht alle Nachrichten ausgedacht.
Und so weiter, unerschöpflich.

Versäumt habe ich, nach „Reichsflugscheiben“ und dem Stützpunkt „Neu Schwabenland“ zu fragen. Erschien mir vielleicht auch zu provokativ.

Andere Themen erwischten mich bei vermeintlich harmlosen Gesprächen, wo ich eigentlich neue Diskussionen vermeiden wollte. Die Auswahl einer Wanderroute unter Berücksichtigung des Wetterberichts, führte zum gesteuerten Klimawandel und den Chemtrails.
Bei der Ausschwitzlüge war bei mir der Spass dann doch vorbei. Meine etwas heftige Reaktion wurde gelassen aufgenommen und sinngemäß kommentiert „ihr Deutschen seid da immer gleich so aufgeregt“.

Und schon waren wir in der Diskussion, wer von uns den nun die rote oder blaue Pille von Matrix-Neo geschluckt hätte.

Es war anstrengend, aber auch interessant, die eigenen „Gewissheiten“ mal wieder sorgfältig zu begründen zu müssen.

Ok, Verschwörungstheoretiker gibt es nicht nur als Pausenunterhaltung im Internet.

Warum mir die Geschichte vom Herbst nun wieder einfiel?

Das Internet ist manchmal auch nur ein Dorf.

Letztes Wochenende in einer Wochenzeitung blieb mein Blick an einem vertrauten Icon neben einem Kommentar hängen.
Es gehörte zu einem geschätzten Spezialisten, dessen Beiträge ich regelmässig in einem technischen Spezialforum lese.
Hier nun aber ein wüster Kommentar von der Abteilung von „Corona, Bill Gates und die Impfverschwörung“.

Über Icon und Profil finden sich direkt weitere Einträge der Kategorie „dahinter steckt ein großer Plan“

Identitätsklau ? leider nein, nach etwas Prüfung wird klar, der Zeitgenosse ist Spezialist und Spinner zugleich.
Vielleicht sogar persönlich ein netter Mensch.

Es ist nicht einfach.

eilige Rückreise

17.3.2020

Meine erste „Überwinterung im Süden“ begann vor 2 Jahren, beruflich bedingt etwas verspätet, Anfang Februar. Die aktuelle Überwinterung endete nun etwas plötzlich Anfang März.

Letzten Donnerstag, 12.3.2020, wurden die Hinweise auf einen bevorstehenden Ausnahmezustand in Spanien immer dichter.
Die Nachrichten aus Deutschland,
„Hamsterkäufe von Klopapier“ !?,
hatten bis zu dem Zeitpunkt mehr Verwunderung als Sorge ausgelöst.
Aber das absehbare Runterfahren (oder Zusammenbruch) einer Infrastruktur muss man nicht ohne Not im Ausland bewältigen;
also zügig zurück nach Berlin, knapp 3000 km

Freitag, 13.3.

nochmal Zweifel, lassen sich ein paar Wochen Grippewelle vielleicht doch angenehmer in südlicher Sonne abwarten! Nach etwas Googelei überzeugten drastische Unterschiede zu den bekannten Grippewellen dann doch zur Abfahrt. Also Routenplanung: Mittelmeer oder Atlantik?

14.3.. Samstag 9 Uhr, Malaga, Start nach Norden.

Im Supermarkt noch schnell Verpflegung für die Fahrt eingesammelt; Brot, Käse, Schinken, Saft und die gefährlich leckeren Kekse und Knabberzeug entschlossen nicht in den Einkaufswagen gekippt. Beim drögen Rollen knabbern… schlimm.
Neugierig beim Toilettenpapier nachgeguckt, genug da, kein Hamsterreflex.

Erste Etappe französische Grenze.

Knapp 1000 KM, etwa 10 Stunden Rollen plus Pausen. Weil Vermutung:
Auch Frankreich wird im Krisenfall die Fremden gern ausreisen lassen, aber nicht unbedingt zur Transitreise reinlassen. Also zügig durch Spanien rollen, rollen.

Gegen 23 Uhr dann bei Irun an einem einsamen, gelangweilten Uniformierten vorbei über die französische Grenze.

Schlafen zwischen vielen anderen Wohnmobilen auf einem „Autobahnparkplatz in Südfrankreich“.
Genau so ein typischer Übernachtungsplatz den man vermeiden sollte.
Autobahnraststätte, Südfrankreich, zwischen vielen Wohnmobilen, klar blöder gehts kaum. Aber egal, sooo müde.
Und tatsächlich hat da Nachts einer an der Fahrertür rumgebastelt. Da sind die Standardkästen so leicht zu knacken. Vorn war aber ausser Bonbonpapier nichts zu finden 🙂
Also , nächster Einbau, endlich ein Prickstop !
(Stand schon lange auf der Liste, immer wieder verschoben)

Sonntag, 15.3

Frühstück einkaufen und weiter. Erstmals Plastikhandschuhe beim Personal im Supermarkt bemerkt.

Das stundenlange Rollen über die Bahn ist so dröge. Die Podcasts scheinen sich nur noch um Corona zu drehen. Zur Abwechslung das 10 Stunden Hörbuch (Picard; Die letzte und einzige Hoffnung)

Immer weiter nach Norden durch schöne Landschaften, sollte man sich mal in Ruhe ansehen, könnte man doch ein paar Tage bleiben.
Aber in den Nachrichten werden nun Details der spanischen Ausnahmepläne bekannt, u. A. Ausgangssperren.
Na prima, doch besser stur weiterrollen, wer weiss wann die Franzosen anfangen.
Aus Deutschland kommen jetzt erste Überlegungen zum Schliessen der Grenzen nach Frankreich.

So rollen wir weiter in die Dämmerung. Im Dustern dann entspannt an die Rücklichter eines LKWs gehängt, beschallt mit Picards Startreck-Geschichte und kaffeewach.

Ausgerechnet bei der nächtlichen Durchquerung von Paris eine falsche Autobahnabzweigung gewählt. toll.

Im folgenden langen Tunnel scheitert Susi bei der Neuberechnung der Route.
Entweder GPS-Signal im Tunnel verloren oder die spanische SIM-Karte zickt mit dem französischen Netz oder Alles zusammen.
Fahrer kurvt ohne Navi-Ansagen in die vermutete Richtung der Autobahn, wird doch auch mal ohne Computer gehen, und endet kläglich in einem engen Einbahnstrassengewirr.
Unverdrossen werden die Abenteuer von Admiral Picard in den Weiten des Weltraums weiter verlesen, aber in den engen Strassen von Paris verschlechtert sich die Stimmung an Bord.
Autobahn in Sicht, aber keine Auffahrt!

(Googletrack hat einen Ausflug in die Stadtteile „Bobigny“ und „Drancy“ lückenhaft aufgezeichnet. Die gesichtete Autobahn hätte zudem in die falsche Richtung geführt)

Susi von Google und das bunte Waze sind plötzlich wieder munter und plappern widersprüchlichste Tourenvorschläge.
Einige spanische Meldungen dazwischen wecken den Verdacht, dass ein Teil der Anlage die aktuelle Ortsveränderung verpennt hat. Also Susi meint noch in Spanien zu sein.
Nach einem genervten Reset des iPads, also Kaltstart, kommen wieder klare Ansagen.

Nach gefühlten Stunden aus Paris wieder rausgefunden und auf einem Vorort morgens um 3 zum Schlafen eingeparkt.

Montag früh, 16.3.

Um 9 rüber in den Supermarkt fürs Frühstück einkaufen und…! auf besonderen Wunsch der Hombase auch eine Packung Rollenpapier.

Einige Kunden und das Personal tragen Handschuhe und hält etwas Abstand. An der Kasse werden sogar zwischendurch die Handschuhe besprüht.

Weiter Richtung deutsche Grenze. Autobahn leer. Bei Saarbrücken Strassensperren an der Grenze und kurze Ausweiskontrolle.
Keine Fragen woher ich komme.

Nachmittags, kurzer Halt auf einem Lidl-Parkplatz.

Einkauf abgebrochen. Die Massen strömen dichtgedrängt in die Halle. Keinerlei Schutz oder Abstand. Angekommen im Tal der Ahnungslosen?

Weiter bis kurz vor Berlin (Weimar), dort auf einem Stellplatz übernachtet.

Dienstag, 17.3.2020

Vormittags Endspurt nach Berlin.
Einparken und Ausräumen.
Hab so die Ahnung, dass mit dem Reisen erstmal ne Weile Schluss ist.

Tanken!

18.11.2019

Ganz Früh vom Weingut, Chateau Bertinerie, los. Wieder keine Besichtigung.
Für die nasse Kälte hätte ich auch in Berlin bleiben können.
Also weiter zügig nach Süd-Westen.


Kurzer Stop beim Bäcker für Baguette, dann Richtung Bordeaux, durch den Morgenstau und über die Grenze nach Spanien.


Tankinhalt hat für die Durchquerung Frankreichs gereicht.
Fein, aber gleich übermütig geworden und die erste Tanke hinter der Grenze übersehen.

Die Berge an der A15 Richtung Pamplona sind hoch, draussen 3 Grad, die Steigungen immer länger und die Kilometer bis zur nächsten Tanke ziehen sich sehr, wenn man nervös die Tankanzeige beobachtet.

An den Steigungen klettert der angezeigte „Momentanverbrauch“ auf 20 statt 6-10 Liter. Entsprechend unfreundlich die Hochrechnung.
Der Bordcomputer springt plötzlich von 100 auf 0 Kilometer Reichweite, typisch digital.
Die knappe Ansage „Tanken“ hatte ich so vorher auf dem Display noch nie gesehen.

Dann kam endlich an einer Steigung die Tanke in Sicht und mein Kopfkino schaltete sofort von „Wanderung mit Tankkanister“ auf „Tank leer, nur 200 Meter vor Zapfsäule, haha!“.
Aber Jumper brummte ohne Mucken bis an die Zapfstelle.

Nun gespannt, wie leer der Tank ist.
112.7 Liter gehen noch rein. Also noch volle 7 Liter Reserve!
Wozu die Aufregung 🙂
Ich hab keine Ahnung wie der Tankboden gestaltet ist. Bei welcher Steigung/ Schräglage verliert die Spritleitung den Kontakt zur Restpfütze !?
Bei der Gelegenheit auch mal ordentlich den Verbrauch ausgerechnet. Mit 8,22 Liter 100/ km war Jumper die letzten 1370 Kilometer zufrieden.
Die Bummelei mit 90-100 zwischen den LKWs macht sich doch bemerkbar.

Halte ich aber nur mit interessanten länger Hörbüchern länger durch.

Danke Günther Grass, Marcel Reich-Ranitzky, Sascha Lobo und Sahra Wagenknecht für die Unterhaltung.