Deutschland, Gesellschaft, Sozialwirtschaft
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Weltverschwörungen und Wunschdenken

15.4.2020

Normalerweise plätschern Nachrichten im Hintergrund an mir vorbei. Politikertreffen, Unfälle, irgendein Skandal der Woche, Wetter.

Die übliche, konkrete Verbindung zwischen Nachrichtenebene und Handlungsebene kann die Kleidungswahl auf Grundlage des Wetterberichts sein. Bei Fehlentscheidung steht man ohne Regenjacke im Regen, mit Winterpullover im Sonnenschein oder sucht zu spät den Eiskratzer. Das Drama hält sich in Grenzen.

Jetzt sind aber, verursacht durch ein zentrales Thema, ein paar wichtigere Entscheidungen auf Basis der aktuellen Nachrichten zu treffen.

Die Spanne reicht vom „Nudel-Hamstereinkauf“ bis zur Wohnortwahl. (Eilige Rückreise)

Nicht wenige Zeitgenossen sollten oder müssen sich schon jetzt, plötzlich und unerwartet, mit Insolvenzrecht und Förderbedingungen auseinandersetzen.

Wirtschaftlich rollt da unübersehbar eine grössere Real-Wirtschaftskrise in Begleitung einer gigantischen Geldmengenexpansion heran.
Daran würde auch eine überraschend schnell entwickelte Impfung oder sichere Behandlungsmethode wenig ändern. Passende Episoden in den Geschichtsbüchern beginnen kleiner und enden unfreundlich.

Ignorieren oder einfach abwarten und aussitzen fällt diesmal wohl als Alternative aus.

Hat man etwas Spielraum, bleibt Zeit für Entscheidungsvorbereitung auf Basis von Informationen… ja schön ordentlich läuft das ab in den Fachbüchern zu BWL und Risikomanagement 🙂

Also mal suchen und lesen…

Schon lange Zeit vor dem Internet war es ratsam, Nachrichtenquellen zwischen den Zeilen zu lesen. Die Texte aus „Neues Deutschland“ oder „Berliner Morgenpost / Bild“ konnte man in Zeiten des kalten Krieges für reine Wahrheit halten oder auch als Anregungen zum Knobeln. Die Hintergrund und Interessen der Publikationen waren kein besonderes Geheimnis, so konnte man sich so seine eigenen Gedanken zum Wahrheitsgehalt der Texte und zum verbleibenden Informationsgehalt machen.

In Berlin markierte das wortwörtliche Nachplappern der jeweiligen Botschaften und Formulierungen („DDR“, BRD, fortschrittliche Kräfte, Fluchthelfer/Menschenhändler… ) den linientreuen Bürger in Ost oder West. Die Propaganda war nicht besonders subtil und leicht erkennbar.

Heute nennt man das Medienkompetenz und ist bei der Fülle der Angebote im Netz etwas anspruchsvoller geworden.

Es wird unübersichtlich bei dem wachsenden Informationsangebot. Die Einstiegsfrage, kurzfristig absehbare wirtschaftliche, politische und soziologische Folgen der Corona-Krise, ist für schon komplex genug.

Versucht man sich etwas breiter und tiefer zu orientieren, ein gewisses Misstrauen hinsichtlich herrschender Meinung und Mainstream-Medien im Hintergrund wird vorausgesetzt, stolpert man über die stolpert man immer wieder über die blühenden Netzwerke der Weltverschwörungen.

Weltverschwörungen

Die ganz grossen Spinner sind idR. leicht zu erkennen. Texte zu Geheimbünden, Weltrevolution, Chemtrails, Marxismus, Flugscheiben, Merkelmussweg u dergl. sind hilfreich bei der Zuordnung.

Das Geschäftsmodel „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ nach Franck läuft offenbar gut. Schon verstörend auf welche Zugriffszahlen / Abonnenten diese Seiten kommen, ist ein anderes Thema.

Grenzfälle

Dann gibt es auch noch eigentümliche Grenzfälle, die man erst im Rückblick meint zu verstehen.

Aktuelles Beispiel:

  • Da klagt Anfang April eine Fachjuristin gegen Grundrechtsbeschränkungen beim BVG und verbreitet diese in den einschlägigen Netzwerken. Rechtspflege und/oder Werbemassnahme ?
  • Zur Kontrolle von Legislative und Exekutive sind Gerichte doch da. Und irgendwie müssen Anwälte sich auch den potentiellen Kunden bemerkbar machen. Gut wenn die Kontrolle funktioniert.
  • In der Filterblase, Abteilung juristisches, freuen sich ein paar Juristen über die Initiative.
  • Dann ploppt im Nachrichtenfluss, passend zu Ostern, eine „Auferstehungserklärung“ dieser Anwältin auf. Sie erklärt die Corona-Krise für beendet.
  • Merkwürdiger Stil, aber vielleicht ein kleiner Spass zu den Feiertagen. Ignoriert.
  • Nach Ostern wird von der Einlieferung der Anwältin in die Psychiatrie berichtet.
  • Eine von ihrer Kanzlei veröffentlichte Sprachnachricht über 20 Minuten hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck beim psychatrischen Laien.

(„Corona-Maßnahmen sind verfassungswidrig!“: Anwältin will klagen! )

https://www.welt.de/vermischtes/article207246011/Heidelberg-Anwaeltin-Beate-Bahner-in-Psychiatrie-eingewiesen.html

Die Fachjuristin hat eine nun wahrnehmbare Fan-Basis bei KenFM & Co.
Hätte man schon vorher erfahren können – man wird misstrauischer.

Wunschdenken und Heinsberg-Studie

Ärgerlich wird es, wenn ein anerkannter Wissenschaftler zwischen die unterschiedliche Geschäfts-Logik von Politik, Medien und Wissenschaftsbetrieb gerät.
Offensichtlich ist eine halbfertige wissenschaftliche Studie mit Hilfe einer PR-Agentur in die politische Auseinandersetzung über das weitere Vorgehen in der Corona-Krise platziert worden.

Die Hoffnung auf Wege zwischen dem weiteren Abstieg der Wirtschaft durch anhaltende Sperren und einer zu schnellen Lockerung dieser Sperren unter Gefährdung der Risikogruppen ist gross.

Der Wunsch nach schnellem Exit aus der wirtschaftlich verfahrenen Situation macht empfänglich für Studien, die eine zügige Lösung versprechen. Das ist nachvollziehbar, wenn die eigene wirtschaftliche Existenz gefährdet ist.

Die Risikogruppe sind nicht nur die gern angeführten „90 Jahre mit Vorerkrankung“,sondern auch junge Menschen mit Behinderung, Krebspatienten, Organtransplantierte… . Diese Gruppe sieht die frühen Lockerungsüberlegungen natürlich kritisch, haben aber weniger PR Unterstützung.

Aussichten

Die offensive Gegenüberstellung von wirtschaftlicher Prosperität vs Schutz der Risikogruppen habe ich für eine fortgeschrittenere Phase der Pandemie befürchtet.

Die Zeit läuft schneller, ist ja fast auch schon eine Verschwörungstheorie 😉


https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-04/heinsberg-studie-hendrik-streeck-storymachine-armin-laschet/komplettansicht

Streeck, Laschet, StoryMachine: Schnelle Daten, pünktlich geliefert – Coronakrise: Wie ein Wissenschaftler zum Kronzeugen für einen raschen Exit wurde. Eine Rekonstruktion.
https://www.riffreporter.de/corona-virus/corona-streeck-heinsberg-pandemie-exit-laschet/

2 Kommentare

  1. ahmBerlin sagt

    Danke für den Input. Ja, es ist „verstörend“,wie anstrengend es ist, in der Vielfalt der angebotenen Informationen zu differenzieren, zu reflektieren und sich eine Meinung zu bilden, um eben nicht im Niemandsland aufgeblähter Filterblasen zu landen . Bleib gesund! LG nach x-Berg.

    • RolfL sagt

      nach anfänglichem genervt sein durch Stoffmenge und erforschteN Irrwegen, bildet sich ja doch immer wieder Muster und Übersicht in neuen Situationen. Bin da zuversichtlich. irgendwann muss man ja schlicht entscheiden und tun, im günstigen Fall mit dem Gefühl gut vorbereitet zu sein. War nach Ende des Bio-Leistungskurses allerdings auch guter Hoffnung mich mit solchen Themen nicht mehr beschäftigen zu müssen. Pustekuchen. Nun schlägt man sich mit Texten von Medizinern rum.

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