Wer plant, irrte nur mal wieder genauer

28.3.2020

Erst gestern ist mir so richtig bewusst geworden, meine kleine Zickzackreise quer durch Europa wäre so jetzt nicht mehr möglich. Dieses Jahr nicht, und im nächsten Jahr wahrscheinlich auch nicht.
Keine Erkenntnis aus neuen Informationen, nein, gelegentlich braucht es doch einen längeren Spaziergang, um zu erkennen was schon zwei Wochen offensichtlich ist.
So ganz bewusstlos war die vorzeitige, eilige Fahrt von Malaga nach Berlin ja auch nicht.

Bei der Entscheidung zur Reise vor ca. 3 Jahren hatte ich mir auch Gedanken über die verschiedenen Risiken so einer Auszeit gemacht.
Verpasste Projektchancen, Knowhow-Verlust, mögliche Rezession in D bei Rückkehr (kein Aufschwung dauert ewig), Krankheit, Unfall usw. waren dabei.
Aber „Ankunft der Marsmenschen“ oder eine weltweite Epedemie mit derartiger Durchschlagskraft auf Wirtschaft und Politik spielten nach meiner Erinnerung keine Rolle .

Einfach nur Glück gehabt, die konkreten, naheliegenden Alternativen zum Reisen erschienen damals so grau und langweilig, das machte die Entscheidung leicht.
Manchmal muss man den „grauen Herren“ (Momo, Michael Ende) einfach nur dankbar für die unbeabsichtigte Entscheidungsimpulse sein.
Gut dass ich die Chance genutzt habe, sie kommt so nie wieder.

So weit der Rückspiegel. Auch die bisherigen Absichten, Pläne und Kalkulationen für 2020f können jetzt in die Tonne. Fällt dank der argwöhnischen Grundhaltung gegenüber Planungswerken immerhin leichter wie erwartet. So was übt ja.

Und nun?

Wir haben Krise und das Experiment #stayathome gibt ja nun genug Gelegenheit und knapp 4 Wochen Ruhe für neue Pläne 😉

Krise ist gelegentlich Anlass und nicht Ursache einstürzender Strukturen („Zombieunternehmen“). Die positive Seite, verschleppte Entwicklungen werden beschleunigt nachgeholt.(Digitalisierung)

Aber auch jetzt wird nicht jedes Rad neu erfunden. Von daher macht es Sinn ein paar Orientierungspunkte und Begriffe (oder auch „Buzzwords?) auf aktuelle Bedeutung zu prüfen.

  • „Digitalisierung/Transformation“, Bedeutung dürften nun auch die ganz entschlossenen Ignoranten erkannt haben bzw. per Erfahrung jetzt handfest erlernen. Sind wir schon hoffnungslos abgehängt, wie manche Analysten behaupten?
  • „Agilität“ wird (wieder, früher mal schlicht lebendig, flexibel) Grundanforderung, so ganz praktisch ohne Seminar oder Zertifikat.
  • „New Work“ !?, gibt es dafür jetzt doch noch eine Zukunft jenseits der esotherischen Ecke?
  • „Entbürokratisierung“ -Bürokratie ist zäh. Mit dem im Laufe der Krisenbewältigung steigenden Staatanteil wird, nach kurzer Schreck-Pause, die Bürokratie sicher weiter blühen. (so weit Gesellschaft sich dies noch leisten will und kann)

Unter welchem Sammelbegriff läuft die neue Sau durchs Dorf,

„Coronanomics“ ?!

trendet in meiner Filterblase, aber noch nicht bei Google!

Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch’nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht. (Bert Brecht)

der erste Monat mit der DSGVO

gut einen Monat ist die DSGVO nun in Kraft. Die befürchtete Abmahnwelle ist bisher ausgeblieben. Für Anwälte und Berater entwickelt sich das neue Geschäftsfeld dennoch ganz prächtig.

Die Endnutzer entwicklen Routine beim abnicken (klicken) von seitenlangen Zustimmungen und Popups. Die sich daraus entwickelnden Risiken werden erst langsam deutlich. Facebook z Bsp. hat die Chance der Situation gleich mal genutzt sich die Zustimmung zur Gesichtserkennung zu verschaffen und dann gleich auch noch den Datenabgleich zwischen WhatsApp und Facebook auszubauen.

Mit der DSGVO ist Datenschutz nun auch noch auf dem besten Wege zur Allzweckwaffe für chronische Nörgler geworden. Mit den Auskunftsrechten kann man jeden kleinen Gewerbetreibenden zur Verzweiflung treiben.

Spannend bleibt, ob und wann die Zivilgesellschaft auf die konkreten politischen Kolateralschäden der europäischen Gesetzgebung aufmerksam wird.

Bisher wird fast nur in den speziellen Blasen der Internetwirtschaft und Netzaktivisten diskutiert wie mit der „guten Absicht Datenschutz“ letztlich nicht nur der Begriff Datenschutz demontiert wird.

Für Europa sind die Kosten einer Onlinepräsenz enorm nach oben gegangen. Man nehme die vor der Abstimmung im EU-Parlament stehenden EU-LSR, Upload-Filter und die Linksteuer hinzu, und Sie sehen die systematische Zerstörung der Grundpfeiler des Internets.

Das mag nicht das Ziel sein, aber es ist das Ergebnis. Die Macher, wie Jan Albrecht bei der DSGVO, drücken sich bis jetzt erfolgreich vor ihrer Verantwortung. (Man kann das auch schön an den Statements von Albrecht im SZ-Artikel sehen. Die juristischen Laien etwa sind seiner Meinung nach selbst schuld, wenn sie auf die DSGVO überreagieren.)

Die drei Letztgenannten (EU-LSR, Uploadfilter & Linksteuer) haben mit der DSGVO gemeinsam, dass die Macher sich anscheinend keinen Deut um den Teil des Internets scheren, der sich aus der Zivilgesellschaft zusammensetzt: Nonprofits, Vereine, Museen, Hobbyprojekte von Foren bis Blogs. Darauf wird nicht nur keine Rücksicht genommen, es wird erst gar nicht mitgedacht, was damit passieren könnte.

https://neunetz.com/2018/06/27/zur-dsgvo-und-anderen-angriffen-auf-das-internet/

„Unsterblichkeitsprojekte“ nach Ernest Becker

„Um also unsere Angst vor dem unvermeidlichen Verlust unseres körperlichen Ichs zu kompensieren, versuchen wir, ein unsterbliches begriffliches Ich aufzubauen. Deshalb ist es Menschen so wichtig, ihren Namen auf Gebäuden, auf Denkmälern oder auf Buchrücken verewigt zu sehen. Deshalb fühlen wir uns verpflichtet, so viel unserer Zeit anderen zu widmen, insbesondere Kindern, in der Hoffnung dass unser Einfluss – also unser begriffliches Ich – unser körperliches Ich überdauern wird. Wir wünschen uns, dass man sich an uns erinnert, wir verehrt oder vergöttert werden, auch wenn unser körperliches Ich schon längst nicht mehr existiert. Becker bezeichnetet diese Anstrengungen als unsere »Unsterblichkeitsprojekte«, Projekte, die unserem begrifflichen Ich ein Weiterleben nach dem körperlichen Tod erlaubten.“

Mark Manson: Die subtile Kunst des drauf Scheissens. 2017 S.210